
CN: Ableismus
Eine buchige Person hat sich auf Threads darüber beschwert, dass ihr immer wieder Menschen folgen und kurz darauf wieder entfolgen. Viele kennen diese Situation. Sie kann frustrierend sein und sich persönlich anfühlen. Doch die Antworten unter dem Beitrag waren erschütternd. Eine andere Person schrieb sinngemäß:
„Wahrscheinlich sind das größtenteils die Deppen, die dir folgen und sofort entfolgen, wenn du ihnen folgst. Gibt solche Idioten. Lust, uns gegenseitig zu supporten?“
Was hier wie Solidarität wirken soll, reproduziert etwas anderes. Die Frustration ist nachvollziehbar. Die Wortwahl ist es nicht. Begriffe wie „Deppen“ und „Idioten“ sind keine neutralen Beschreibungen von Verhalten. Sie sind Teil ableistischer Sprache.
Ableistische Sprache begegnet uns jeden Tag. Oft benutzen wir sie, ohne darüber nachzudenken. Ableismus bedeutet, dass Menschen nach Leistungsfähigkeit, Denken oder Anpassung bewertet werden. Sprache spielt dabei eine große Rolle. Wenn Behinderung oder geistige Einschränkungen als Beleidigung benutzt werden, wird eine klare Botschaft vermittelt. So zu sein gilt als schlecht. Als weniger wert.
Wörter wie „Idiot“ oder „Depp“ wirken für viele harmlos, weil sie so alltäglich sind. Aber sie haben eine Geschichte. „Idiot“ war früher ein medizinischer Begriff für Menschen mit geistigen Behinderungen. Mit solchen Bezeichnungen wurden Menschen ausgegrenzt, entmündigt und ihrer Rechte beraubt. Auch „Depp“ wurde genutzt, um Menschen mit kognitiven Einschränkungen abzuwerten. Diese Bedeutung verschwindet nicht, nur weil wir die Wörter heute beiläufig benutzen.
Auch das Wort „dumm“ folgt derselben Logik. Es verbindet den Wert eines Menschen mit seiner geistigen Leistung. Wer etwas nicht versteht, langsamer lernt oder anders denkt, wird beschämt oder lächerlich gemacht. Dabei ist es völlig normal, Dinge nicht zu wissen oder Hilfe zu brauchen. Intelligenz ist kein Maßstab für den Wert eines Menschen.
Ableismus zeigt sich aber nicht nur in einzelnen Schimpfwörtern. Er steckt auch in Redewendungen wie „Bist du blind?“ oder „Hörst du schlecht?“, wenn jemand etwas übersieht oder nicht sofort reagiert.
Hier werden Sinnesbehinderungen genutzt, um Unaufmerksamkeit oder Fehler abzuwerten. Die Aussage dahinter ist, dass Blindheit oder Taubheit etwas Negatives oder Lächerliches sei.
Auch Begriffe wie „verrückt“, „irre“ oder „gestört“ sind ableistisch, wenn sie genutzt werden, um Menschen oder Situationen abzuwerten. Diese Wörter stammen aus dem Bereich psychischer Erkrankungen. Wenn sie als Beleidigung benutzt werden, wird psychische Krankheit mit Gefahr, Chaos oder Unzurechnungsfähigkeit gleichgesetzt. Das verstärkt Stigmatisierung und erschwert es Betroffenen, ernst genommen zu werden oder Hilfe zu suchen.
Ein weiteres Beispiel sind Aussagen wie „trotz seiner Behinderung ist er erfolgreich“ oder „sie lässt sich von ihrer Krankheit nicht unterkriegen“. Auch wenn sie positiv gemeint sind, steckt darin eine problematische Annahme. Sie setzen voraus, dass Behinderung eigentlich ein Hindernis für ein wertvolles oder erfülltes Leben sei. Menschen werden dafür gelobt, dass sie möglichst „normal funktionieren“, statt dafür, dass sie einfach existieren.
Ableistisch ist auch die Vorstellung, dass alle Menschen gleich leistungsfähig sein sollten. Sätze wie „Reiß dich zusammen“, „Das ist doch nicht so schwer“ oder „Andere schaffen das doch auch“ blenden aus, dass Menschen unterschiedliche Bedürfnisse, Grenzen und Voraussetzungen haben. Sie machen individuelle Schwierigkeiten zu persönlichem Versagen.
Oft heißt es dann, das sei doch nicht so gemeint. Aber bei Sprache geht es nicht nur um Absicht. Es geht um Wirkung. Wenn wir andere abwerten, indem wir Begriffe benutzen, die historisch zur Entmenschlichung genutzt wurden, tragen wir diese Strukturen weiter. Auch dann, wenn wir eigentlich Unterstützung ausdrücken wollten.
Ableistische Sprache zu vermeiden bedeutet nicht, Ärger oder Kritik zu unterdrücken. Es bedeutet, genauer zu sagen, was man meint. In dem genannten Beispiel hätte man sagen können, dass dieses Verhalten respektlos, unfair oder frustrierend ist. Man hätte Solidarität ausdrücken können, ohne andere abzuwerten. Auch in anderen Situationen lassen sich klare Worte finden, ohne Behinderung als Beleidigung zu benutzen. Solche sprachlichen Entscheidungen sind nicht kleinlich. Sie machen einen Unterschied. Sie helfen dabei, Menschen nicht nach geistiger Leistung oder vermeintlicher Normalität zu bewerten. Ableismus zu verlernen braucht Zeit. Niemand macht alles richtig. Aber bewusste Sprache kann dazu beitragen, dass Unterstützung nicht auf Kosten anderer passiert. Sprache kann verletzen. Sie kann aber auch Platz schaffen. Für mich als schwulen Autisten ist diese Sprache nicht abstrakt, sondern Alltag, weil sie mir immer wieder zeigt, dass Menschen wie ich als zu viel oder weniger wert markiert werden, selbst in Momenten, die eigentlich Unterstützung sein sollten.
| Ableistischer Ausdruck | Problem am Wort | Diskriminierungsfreie Alternative |
| „behindert“ (als Beleidigung) | Setzt Behinderung mit etwas Negativem gleich | „unfair“, unangenehm“, „unnötig“ |
| „bist du blind?“ | Abwertung von Blindheit | „Hast du das übersehen?“ |
| „taub sein für etwas“ | Negative Darstellung von Gehörlosigkeit | „etwas ignorieren“ |
| „lahm“ | Abwertung körperlicher Einschränkungen | „langweilig“, „träge“ |
| „verrückt“ | Stigmatisiert psychische Erkrankungen | „ungewöhnlich“, „extrem“ |
| „irre“ | Wie oben | „krass“, „unglaublich“ |
| „gestört“ | Pathologisiert Verhalten | „unangemessen“, „komisch“ |
| „Spasti“ | Stark beleidigend gegenüber Menschen mit Behinderung | komplett vermeiden |
| „Idiot“ | Historisch medizinischer Begriff | „unüberlegt“, „unvernünftig“ |
| „dumm“ | Historische Diskriminierung | „unwissend“, „unklug“ |
| „krank“ (im Sinne von „falsch“) | Verknüpft Krankheit mit Negativem | „problematisch“, „nicht okay“ |
| „psychisch“ (abwertend gemeint) | Stigmatisiert mentale Gesundheit | konkret benennen („überfordert“) |
| „Schwachsinn“ | Historisch belastet | „Unsinn“, „Quatsch“ |
| „Missgeburt“ | Extrem diskriminierend | komplett vermeiden |
| „Krüppel“ | Abwertend gegenüber körperlicher Behinderung | „Mensch mit Behinderung“ |
| „an den Rollstuhl gefesselt“ | Dramatisiert Situation | „nutzt einen Rollstuhl“ |
| „leidet an…“ | Impliziert ausschließlich Leid | „lebt mit…“ |
| „trotz seiner Behinderung“ | Stellt Behinderung als Hindernis dar | „mit seiner Behinderung“ |
| „normal“ (im Gegensatz zu behindert) | Schließt aus | „nicht-behindert“ |
| „Opfer“ (für Menschen mit Behinderung) | Entmündigend | „Person“, „Mensch“ |
| „geistig zurückgeblieben“ | Veraltet und beleidigend | „mit Lernschwierigkeiten“ |
| „autistisch“ als Beleidigung (Du bist so autistisch) | Stigmatisiert Autismus | konkret beschreiben („wirkt distanziert“) |
| „ADS/ADHS-Kind“ | Reduziert Person auf Diagnose | „Kind mit ADHS“ |
| „funktioniert nicht richtig“ (über Menschen) | Entmenschlichend | „hat Unterstützungsbedarf“ |
| „invalid“ | Abwertend | „Mensch mit Behinderung“ |
| „der hat doch einen Schaden“ | Pathologisiert Verhalten | „das Verhalten ist schwierig“ |
| „nicht ganz dicht sein“ | Stigmatisiert psychische Gesundheit | „handelt unüberlegt“ |
| „durchgeknallt“ | Abwertend gegenüber psychischen Erkrankungen | „sehr ungewöhnlich“ |
| „der ist nicht normal“ | Ausgrenzend | „anders“, „ungewöhnlich“ |
| „normaler Mensch“ | Impliziert andere seien „unnormal“ | „nicht-behindert“ |
| „an den Rollstuhl gebunden“ | Dramatisiert | „nutzt einen Rollstuhl“ |
| „taubstumm“ | Veraltet und falsch | „gehörlos“ oder „taub“ |
| „Leidensgeschichte“ (automatisch) | Reduziert Person auf Leid | neutral beschreiben |
| „trotzdem so gut“ | Herablassend | Leistung ohne Vergleich würdigen |
| „Opfer seiner Krankheit“ | Entmündigend | „lebt mit der Erkrankung“ |
| „Makel“ | Abwertend | „Beeinträchtigung“ oder neutral benennen |
| „Defekt“ (für Menschen) | Entmenschlichend | „Beeinträchtigung“ |
| „nicht zurechnungsfähig“ (umgangssprachlich) | Stigmatisierend | konkret beschreiben |
| „hat nicht alle Tassen im Schrank“ | Abwertend | „verhält sich ungewöhnlich“ |
| „bescheuert“ | Historisch belastet | „ärgerlich“, „unsinnig“ |
| „geistig schwach“ | Abwertend | „mit kognitiven Einschränkungen“ |
| „verkrüppelt“ | Stark diskriminierend | „mit körperlicher Behinderung“ |
| „Pflegefall“ | Reduziert auf Hilfsbedarf | „Person mit Pflegebedarf“ |
| „Sonderling“ (abwertend) | Ausgrenzend | „eigen“, „individuell“ |
| „tickt nicht richtig“ | Stigmatisierend | „reagiert ungewöhnlich“ |
| „komplett irre Aktion“ | Pathologisierend | „extreme Aktion“ |
| „Blindgänger“ (für Person) | Abwertend | „nicht erfolgreich“ |
| „auf dem Auge blind sein“ | Problematische Metapher | „etwas ignorieren“ |
| „Lernbehinderter“ (als Schimpfwort) | Abwertend | „Person mit Lernschwierigkeiten“ |
| „der ist kaputt“ (über Menschen) | Entmenschlichend | „geht es gerade nicht gut“ |
| „schwachsinnig“ | historisch medizinisch belastet | „unsinnig“ |
| „Debiler Fehler“ | medizinischer Begriff | „grober Fehler“ |
| „Schwachkopf“ | abwertend, ableistischer Bezug | „unüberlegt“ |
| „geistlos“ | wertet kognitive Fähigkeiten ab | „wenig durchdacht“ |
| „unterbelichtet“ | abwertend gegenüber Intelligenz | „schlecht informiert“ |
| „nicht ganz bei Trost“ | stigmatisiert mentale Gesundheit | „unverständlich“ |
| „verblödet“ | ableistisch | „schlecht informiert“ |
| „Hirnrissig“ | wertet kognitive Fähigkeiten ab | „unlogisch“ |
| „Schwachstelle“ (für Person) | abwertend | „Herausforderung“ |
| „defizitär“ (über Menschen) | reduziert auf Mangel | „hat Unterstützungsbedarf“ |
| „unnormal“ | ausgrenzend | „ungewöhnlich“ |
| „anormal“ | stark stigmatisierend | „abweichend“ (neutraler Kontext) |
| „Missbildung“ (unsensibel genutzt) | negativ konnotiert | „Fehlbildung“ (medizinisch korrekt) |
| „entstellt“ | wertend | „sichtbare Veränderung“ |
| „verunstaltet“ | abwertend | neutral beschreiben |
| „hässlich“ (bezogen auf Behinderung) | diskriminierend | vermeiden / neutral bleiben |
| „Zwerg“ (abwertend) | diskriminierend | „kleinwüchsige Person“ |
| „Riese“ (abwertend gemeint) | stereotypisierend | neutral beschreiben |
| „Krankschreibung“ als Vorwurf | stellt Krankheit infrage | neutral benennen |
| „Simulant“ | unterstellt Täuschung | vorsichtig formulieren |
| „arbeitsunfähig“ (wertend) | reduziert Person | „kann aktuell nicht arbeiten“ |
| „funktioniert wieder“ (über Person) | mechanisch | „geht es wieder besser“ |
| „ausgebrannt“ (salopp) | verharmlost Burnout | „erschöpft“ |
| „traumatisiert“ (locker verwendet) | verharmlost Trauma | „stark belastet“ |
| „zwanghaft“ (umgangssprachlich) | verharmlost Zwangsstörung | „sehr strikt“ |
| „hysterisch“ | historisch diskriminierend | „sehr emotional“ |
| „neurotisch“ | stigmatisierend | „angespannt“ |
| „paranoid“ (locker) | verharmlost Erkrankung | „misstrauisch“ |
| „Schizophren“ (für widersprüchlich) | falsch & stigmatisierend | „widersprüchlich“ |
| „multiple Persönlichkeit“ (falsch benutzt) | verharmlosend | korrekt benennen oder vermeiden |
| „Tick“ | kann abwertend sein | „Gewohnheit“ |
| „komisch im Kopf“ | stigmatisierend | „wirkt ungewöhnlich“ |
| „nicht belastbar“ (abwertend) | wertend | „braucht Pausen“ |
| „zu sensibel“ | entwertend | „reagiert sensibel“ |
| „schwach aufgestellt“ (für Person) | abwertend | „weniger vorbereitet“ |
| „kaputte Psyche“ | entmenschlichend | „psychisch belastet“ |
| „durchgedreht“ | stigmatisierend | „hat die Kontrolle verloren“ |
| „Aussetzer haben“ | abwertend | „kurz unkonzentriert sein“ |
| „nicht mehr ganz da“ | abwertend | „wirkt abwesend“ |
| „halb tot“ (über Erschöpfung) | problematische Metapher | „sehr erschöpft“ |
| „Zombie“ (für erschöpfte Person) | entmenschlichend | „sehr müde“ |
| „lahmgelegt“ (für Person) | problematische Metapher | „handlungsunfähig“ |
| „verkrampft“ (psychisch gemeint) | kann pathologisieren | „angespannt“ |
| „blockiert im Kopf“ | indirekt ableistisch | „kommt gerade nicht weiter“ |
| „blackout haben“ | kann ableistisch interpretiert werden | „nichts mehr wissen“ |
| „nicht ganz auf der Höhe“ | abwertend | „nicht fit“ |
| „eingeschränkt denken“ | abwertend | „wenig flexibel denken“ |
| „schwer von Begriff“ | abwertend | „braucht länger“ |
Die beste Alternative ist einfach auch Synonyme dafür zu vermeiden und generell keine Menschen wegen ihrer Fähigkeiten abzuwerten. Da müssen wir hinkommen

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